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Nur siegen ist schöner – manchmal ist der zweite Platz der Erste

Die Herrenmannschaft ist mit hohen Erwartungen in die Deutsche Golfligasaison 2017 gestartet. Nachdem wir 2016 mit einen extrem starken (fast) Start-Ziel-Sieg von der Oberliga in die Regionalliga geprescht sind, stand das Ziel für dieses Jahr fest - wir wollten den erneuten Aufstieg in die 2. Bundesliga. Wir wussten, dass wir eine Chance haben, aber auch, dass es nicht leicht werden würde.

Um es vorweg zu nehmen: wir sind nicht aufgestiegen!

In diesem Fall lohnt sich aber ein genauerer Blick – man könnte auch sagen einen Zweiten. In den mittlerweile 20 Jahren, die ich in der ersten Mannschaft der Seddiner Herren spiele, habe ich noch nie eine so emotionale, fordernde und zugleich spannende Saison erlebt. Bis zum letzten von insgesamt fünf Spieltagen war es hochspannend und am Ende ging es tatsächlich um einen einzigen Schlag. Ein Schlag nach 50 gewerteten Ergebnisrunden; ein Schlag nach 900 gespielten Löchern; ein Schlag nach 14.400 warmen, sonnigen und regnerischen Minuten auf fünf anspruchsvollen Golfplätzen.

Jeder im Team, unser Vorstand und viele Mitglieder haben bis zuletzt mitgefiebert und ich bin fest davon überzeugt, dass jeder, der am 06.08.17 beim Spiel im Burgdorfer GC anwesend war, diesen Tag nicht mehr vergessen wird. Zu dieser tollen Saison haben viele auf und abseits des Golfplatzes beigetragen und es würde den Rahmen sprengen, auf jeden Einzelnen und jede einzelne Leistung einzugehen, deshalb beschränke ich mich auf die letzten Stunden des letzten Spieltages:

Vor dem letzten Spieltag liegen wir zwar einen Punkt vor den Hamburgern, allerdings müssen wir sie auch heute hinter uns lassen, da unsere Gesamtschlagzahl nach vier Spieltagen ein Schlag höher ist. Punktgleichheit würde uns deshalb den Aufstieg verwehren. Nach Abschluss der Einzel und der ersten Hälfte der Vierer sieht es nicht gut aus. Wir liegen deutlich hinter unserem direkten Konkurrenten Hamburg-Walddörfer zurück. Nachdem Florian Schubarth und ich das 15 Loch vermasselt haben, ist der Spieltag eigentlich schon gelaufen – zumindest aus Sicht der Hamburger. Das Livescoring zeigt sieben Schläge Rückstand an. Ein Rückstand, der eigentlich nicht mehr aufzuholen ist. Während andere Mannschaften jetzt mit hängenden Köpfen über den Golfplatz geschlichen wären, geht ein Ruck durch das Seddiner Team. Alle Zweifel sind wie weggeblasen und wir gehen in den Lochspielmodus über. Die Angst vor Bogeys ist weg. Wir wollen Birdies spielen und wir spielen Birdies.

Florian und ich beenden die drei letzten Löcher mit Birdie, Birdie, Birdie (noch 4 Schläge Rückstand). Jakob und Jae Woo spielen an der 16 Birdie; an der 18 läuft der Birdieputt über die Lochkante (noch 3 Schläge Rückstand). Florian und Robin spielen an der 17 Birdie; an der 18 bleibt der Parputt auf der Lochkante hängen. Wir liegen immer noch drei Schläge zurück. Das schwierige 18te Loch – ein 515 m Par 5 ist zu spielen. Mit viel Glück wäre an diesem Loch ein Birdie gegen Bogey eigentlich das höchste der Gefühle. Zwei Schläge reichen aber nicht. Sebastian ist gerade dabei an der 18 aufzuteen. Er hat sich mit Lenny für die sichere drei-Stop-Taktik entschieden und greift zu seinem Eisen 3, während sein Caddy Lars das Livescoring aktualisiert. Seine abschließende Ansage lautet: ein Birdie reicht nicht. Spielt das Eagle oder seid der Streicher.

Noch nicht einmal auf der Proberunde hat ein Spieler versucht dieses Loch mit zwei Schlägen zu erreichen. Es ist lang, es ist eng und den zweiten Schlag müsste man über 230-240 mit einem starken Fade an der Baumkante vorbei auf ein nicht einsehbares Grün spielen. Sebastian greift zu seinem Driver und hämmert einen gewaltigen 280 m Draw Mitte Fairway. Darauf schlägt Lenni aus 235 m sein Holz 3 mit einem Hohen Fade 3 m an die Fahne. Während ca. 30 Seddiner und 40 Hamburger am Grün stehen.

Was ist gerade passiert? Woher kommt der Ball? Kann das schon der zweite Schlag gewesen sein? Es war der zweite Schlag und es gibt eine realistische Eagle-Chance. Aber was machen die Hamburger? Sie schlagen ihren zweiten Sicherheitsschlag mit dem Wissen, dass ein Par reicht …

… links in den Wald.

Aus dieser misslichen Lage schlagen sie den Ball auf das Grün, haben jedoch immer noch einen 12 m Putt zum Birdie, den sie 2 m hinter das Loch schieben. Die Spannung ist kaum auszuhalten, wenn der Eagleputt von uns fällt und die Hamburger den Putt nicht lochen, sind wir schlaggleich und damit aufgestiegen. Sebastian tauscht sich mit Lenny über die Puttlinie aus, geht an den Ball, puttet. Der Ball sieht gut aus und bleibt auf der Lochkante liegen. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die maximal eine halbe Sekunde dauert, fällt der Ball ins Loch. Ein Jubelsturm fegt über das 18te Grün. Die Anspannung ist kaum auszuhalten. Die Hamburger putten. Und der Ball lippt aus …

Was jetzt passiert, ist nicht in Worte zu fassen. Das Livescoring zeigt Schlaggleichtheit an. Demzufolge sind wir aufgestiegen.

Leider gibt es einen Fehler im Livescoring-System und wir liegen einen Schlag hinter den Hamburgern. Wir sind also nicht aufgestiegen. Letztendlich wäre der Aufstieg ein toller Abschluss für die harte Arbeit der Spieler und unseren Trainer Pete gewesen. Zusätzlich hätten wir uns mit einem Sieg gerne für das Vertrauen und die Förderung, die sie uns zukommen lassen, bei unseren Mitgliedern bedankt. Für mich steht jedoch fest, dass diese Niederlage und das vorbildliche Verhalten der Mannschaft im Zuge dieser Niederlage viel wertvoller sind, als die vielen Aufstiege, die ich in den letzten beiden Jahrzehnten miterleben durfte. Und als kleinen bzw. großen Trost können wird festhalten:

- Würde es ihn geben, hätten wir den Fairplay-Award verdient.

- In sieben von acht Regionalligen wären wir mit dieser Leistung aufgestiegen.

- Unsere Damen haben den Aufstieg in die 2. Bundesliga erreicht.

Moritz Meißner